001 opinions. 12.08.2026 by dzenis
Es gibt kaum eine Eigenschaft, über die gesellschaftlich so viel Einigkeit herrscht wie über Selbstbewusstsein. Eltern wünschen es ihren Kindern, Lehrer versuchen, es zu fördern, in Stellenausschreibungen wird es vorausgesetzt und in Bewerbungsgesprächen erwartet. Selbstbewusste Menschen, so scheint es zumindest, kommen leichter durchs Leben.
Zumindest in der Theorie.
Denn sobald Selbstbewusstsein nicht mehr nur eine Eigenschaft ist, über die wir reden, sondern eine konkrete Person vor uns steht, verändert sich die Stimmung erstaunlich schnell. Wer offen sagt, dass er gut aussieht, ist selbstverliebt. Wer von seiner eigenen Arbeit überzeugt ist, arrogant. Und wer einen Erfolg einfach als eigenen Erfolg stehen lässt, ohne ihn sofort kleiner zu machen, hält sich offenbar für etwas Besseres.
Das ist schon ein merkwürdiger Widerspruch. Wir sagen ständig, dass wir selbstbewusste Menschen mögen. In der Realität mögen wir sie aber vor allem dann, wenn sie ihr Selbstbewusstsein nicht allzu deutlich zeigen.
Vielleicht haben wir uns auch einfach sehr daran gewöhnt, Bescheidenheit automatisch mit Sympathie zu verbinden. Wenn etwas gut läuft, sprechen wir lieber von Glück, gutem Timing oder davon, dass wir es ohne andere niemals geschafft hätten. Und natürlich stimmt das oft. Kaum jemand erreicht irgendetwas vollkommen allein. Trotzdem fühlt es sich für viele seltsam an, wenn jemand zusätzlich sagt: Ich habe hart dafür gearbeitet und ich bin gut in dem, was ich tue.
Warum eigentlich?
Es macht einen Unterschied, ob jemand sagt: „Ich bin besser als du“ oder „Ich weiß, was ich kann.“ Das eine wertet eine andere Person ab, das andere erst einmal überhaupt niemanden. Trotzdem behandeln wir beides erstaunlich oft so, als wäre es dasselbe.
Man merkt das schon bei ganz banalen Dingen. Ein Kompliment anzunehmen, ohne es direkt zurückzuweisen, kann sich fast falsch anfühlen. „Du siehst gut aus.“ „Ach Quatsch, ich sehe heute schrecklich aus.“ Irgendwie ist uns diese Antwort vertrauter als ein einfaches „Danke, finde ich heute auch.“
Eigentlich absurd.
Noch absurder wird es, wenn man bedenkt, wie viel Selbstbewusstsein inzwischen von uns verlangt wird. Im Bewerbungsgespräch sollen wir überzeugend erklären, warum ausgerechnet wir eingestellt werden sollten. Wenn wir etwas Kreatives machen, sollen wir es zeigen und selbstverständlich auch bewerben. Online sollen wir sichtbar sein, eine Persönlichkeit haben, im besten Fall eine eigene Marke werden. Wir sollen uns präsentieren können, ohne dass es so aussieht, als würden wir uns gerne präsentieren.
Genau da wird es kompliziert.
Das Internet ist voll von Menschen, die sich selbst zeigen, und gleichzeitig haben wir unzählige kleine Rituale entwickelt, um bloß nicht den Eindruck zu erwecken, dass wir uns dabei zu gut finden.
„Sorry für den Spam.“
„Poste sowas eigentlich nie.“
„Musste das jetzt einfach teilen.“
Wir machen uns selbst ein bisschen kleiner und nennen es Nahbarkeit.
Natürlich steckt dahinter nicht immer irgendein gesellschaftliches Problem. Manchmal ist es einfach Humor. Manchmal ist jemand tatsächlich bescheiden. Aber interessant ist trotzdem, wie selbstverständlich Selbstironie akzeptiert wird und wie schnell ehrlicher Stolz unangenehm werden kann.
Zu sagen „Ich hasse meine Nase“ verlangt kaum Mut.
Zu sagen „Ich finde mich schön“ plötzlich schon.
Und das ist doch verrückt, wenn man bedenkt, wie sehr wir gleichzeitig von Selbstliebe sprechen. Kenne deinen Wert. Vergleich dich nicht mit anderen. Sei stolz auf dich. Lass dir von niemandem einreden, dass du nicht genug bist. Solche Sätze begegnen uns ständig und wahrscheinlich würden die meisten Menschen ihnen zustimmen.
Bis jemand anfängt, tatsächlich danach zu leben.
Dann ist Selbstliebe plötzlich Ego. Selbstsicherheit wird Überheblichkeit und aus jemandem, der seinen Wert kennt, wird jemand, der „ein bisschen zu viel von sich hält“.
Besonders interessant finde ich, wie sehr wir Unsicherheit dagegen mögen. Natürlich nicht bewusst. Niemand wünscht einem anderen Menschen ernsthaft Selbstzweifel. Aber Unsicherheit macht Menschen für uns irgendwie greifbar. Wenn eine erfolgreiche Person erzählt, dass sie trotzdem ständig an sich zweifelt, verstehen wir sie plötzlich besser. Wenn jemand, den alle schön finden, erzählt, dass er sich selbst manchmal hässlich fühlt, wirkt das nahbar.
Wir können etwas damit anfangen.
Mit jemandem, der einfach sagt „Ich mag mich eigentlich“, offenbar weniger.
Dabei bedeutet Selbstbewusstsein nicht, dass man sich für perfekt hält. Es bedeutet auch nicht, dass man keine Kritik verträgt oder morgens aufwacht und von der eigenen Großartigkeit überwältigt ist. Man kann sich mögen und trotzdem unsicher sein. Man kann stolz auf etwas sein und trotzdem wissen, dass man Fehler macht. Man kann wissen, dass man gut in etwas ist, ohne zu glauben, dass alle anderen deshalb schlechter darin sein müssen.
Natürlich gibt es arrogante Menschen. Es gibt Menschen, die sich maßlos überschätzen, andere kleinmachen und Kritik grundsätzlich als Angriff verstehen. Nicht jede Person, die arrogant genannt wird, ist in Wahrheit einfach nur wahnsinnig selbstbewusst und missverstanden.
Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass wir die Grenze inzwischen ziemlich früh ziehen.
Manchmal reicht es schon, wenn jemand keine Lust hat, die eigene Leistung ständig zu relativieren.
Und vielleicht ist genau das der Teil, der uns so irritiert. Jemand, der nicht bei jeder Gelegenheit nach Bestätigung sucht, hält uns ungewollt einen Spiegel vor. Die meisten von uns kennen es schließlich, den eigenen Wert zumindest teilweise davon abhängig zu machen, wie andere auf uns reagieren. Von Komplimenten, Nachrichten, Einladungen, Likes, Absagen oder manchmal auch nur einem Blick.
Wenn jemand diese Bestätigung scheinbar weniger braucht, kann das befremdlich wirken.
Nicht unbedingt, weil wir neidisch sind. Diese Erklärung wäre viel zu einfach und ehrlich gesagt auch ziemlich bequem. Kritik ist nicht automatisch Neid und nicht jeder, der eine selbstbewusste Person unsympathisch findet, hat insgeheim ein Problem mit sich selbst.
Aber ich glaube schon, dass Menschen, die sich selbstverständlich erlauben, stolz auf sich zu sein, etwas sichtbar machen: wie schwer uns genau diese Selbstverständlichkeit noch immer fällt.
Wir mögen Selbstbewusstsein. Nur offenbar am liebsten in einer sehr bestimmten Form. Es darf stark sein, aber nicht laut. Sichtbar, aber nicht zu sichtbar. Man darf den eigenen Wert kennen, sollte aber möglichst nicht darüber sprechen.
Vielleicht haben wir also gar kein Problem mit arroganten Menschen.
Vielleicht haben wir manchmal einfach ein Problem mit Menschen, die sich selbst mögen und dabei nicht auf unsere Zustimmung warten.
Und wenn uns das stört, wäre zumindest die Frage interessant, warum eigentlich.

Schreibe einen Kommentar